Aus San Francisco zum Klassentreffen des Abiturjahrgangs 1978

Die Abiturienten von 1978. Foto: Martin Büttner

Kollegiumsfoto aus den 70er Jahren

Thomas Heinser im Gespräch mit Katrin Keita. Foto: Nick Adam

Einladung zu Thomas Heinsers nächster Ausstellung

Gruppenfoto unter der blühenden Kastanie, dem Wahrzeichen des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Dinslaken. „Ein bisschen mehr zusammenrücken“, kommandiert der Fotograf der Lokalpresse. Dort, wo seit Jahrzehnten die neuen fünften Klassen oder die Abiturienten abgelichtet werden, stehen und sitzen Frauen und Männer, die ihr Abiturzeugnis schon seit vierzig Jahren in der Tasche haben. Unter ihnen Thomas Heinser, den der Fotograf namentlich anspricht. Kein Wunder, die beiden sind quasi Kollegen. Heinser, der das Klassentreffen des Abiturjahrgangs von 1978 organisiert hat, lebt und arbeitet seit über dreißig Jahren als Fotograf in San Francisco. „Herr Heinser, stellen Sie die Beine zusammen und legen Sie die Jacke weg! Das sieht so wurschtelig aus“, frotzelt der Fotograf und beide grinsen. Die Mitschüler von einst schnattern und sind aufgeregt wie Fünftklässler.

Er habe sich in den USA in seine jetzige Frau verliebt, als er dort für BMW gearbeitet habe, erzählt Thomas Heinser im Gespräch vor dem Klassentreffen. Nur wenige Wochen später sei er nach San Francisco gezogen. Der jungenhaft wirkende 60-Jährige trinkt schwarzen Tee und lässt immer dann englische Wörter einfließen, wenn sie ihm schneller einfallen als die deutschen. Verliebt hat er sich offenbar auch in San Francisco: „Die faszinierendste, die europäischste Stadt der USA“, schwärmt er. Er schätzt die liberale Atmosphäre dort.

Mit 16 Jahren hat Thomas Heinser angefangen zu fotografieren. „Die Schwester eines Freundes hat mir eine Kamera aus Japan mitgebracht“, erinnert er sich. Er studierte an der Fachhochschule für Kommunikationsdesign, besuchte Vorlesungen von Joseph Beuys an der Kunstakademie in Düsseldorf und machte die Fotografie zu seinem Beruf. Fluggesellschaften und Autofirmen sind seine Auftraggeber, Architektur und Landschaftsaufnahmen sind Schwerpunkte seiner Arbeit. Auf die Frage, ob er seinen Erfolg als Fotograf in drei Worten beschreiben könne, antwortet er: „Lucky, a lot of work, disciplined“ – Glück, viel Arbeit und Disziplin. Auch Porträts hat er geschaffen, beispielsweise in der Serie „Growing Up“, für die er fünfzehn Kinder und Jugendliche von 2004 bis 2016 jedes Jahr aufgenommen hat. Mit diesen Porträts erfülle er seinen inneren Drang zu fotografieren, betont Thomas Heinser, und seine Augen funkeln dabei. Er sagt „fotografieren“, aber es klingt wie: ihre Persönlichkeit in einem Bild einfangen, ihnen mit der Kamera nahe kommen, einen Moment von unmittelbarer Wahrheit festhalten.  

Den „Drang zu fotografieren“ hat der gebürtige Dinslakener immer schon gespürt, seitdem er das erste Mal eine Kamera in den Händen gehalten hat. Doch seit etwa zehn Jahren steht die künstlerische Fotografie für ihn im Vordergrund. Seine Luftbilder der Bucht von San Francisco hat er in mehreren Ausstellungen in den USA und Deutschland gezeigt. Um sie aufzunehmen, mietet er einen Hubschrauber. „Ich habe dann nur wenige Minuten Zeit, das geplante Bild zu machen, bevor sich das Licht verändert“, erklärt Thomas Heinser seine Arbeitsweise. Er fotografiert Wasserlandschaften, Dürre, Waldbrände und legt damit offen, wie der Mensch die Natur verändert. Er beschäftigt sich mit dem Klimawandel und gesteht: „Ich sehe durchaus den Widerspruch zu meiner kommerziellen Arbeit für große Firmen.“

Doch in Dinslaken ist Thomas Heinser im April 2018 nicht als Fotograf, sondern als Abiturient von 1978. „Als Schüler hat mich Alfred Grimm am meisten beeinflusst“, sagt der 60-Jährige. Zu dem ehemaligen Kunstlehrer hat er heute noch Kontakt. So manches sei ihm schwer gefallen in der Schule, gibt Heinser zu. „Vielleicht war ich nicht diszipliniert genug“, mutmaßt er. Insgesamt hat er aber gute Erinnerungen an seine Schulzeit. Als „contained“, also geborgen, beschreibt er das Theodor-Heuss-Gymnasium. „The vibe“, also die Atmosphäre, die Stimmung, auch das Gefühl von Großzügigkeit am THG haben ihn nachhaltig geprägt. Er erinnert sich an Klassenfahrten nach London und Amsterdam, sogar an gemeinsame Demonstrationen mit den Lehrern. Dankbar ist er für die Gelegenheiten, die ihm die Schule geboten habe. Das ist auch etwas, was er heutigen THG-Schülern mitgeben möchte: „Nehmt die Möglichkeiten wahr, die die Schule euch bietet!“ Denn dies sei eine gute Basis.

Nach einem Rundgang über den Schulhof besichtigen die einstigen Abiturienten nun den Altbau der Schule, an der sich manches verändert hat seit 1978. Sie rekonstruieren, wo der Biologie-Fachraum früher lag, staunen über ein altes Lehrerfoto in schwarz-weiß, betreten den alten Kunstraum und erkennen den Geruch von damals wieder. „Thomas, warum hast du deine Kamera heute nicht dabei?“, fragt ein ehemaliger Klassenkamerad. „Zu viel Druck. Zu viel Verantwortung“, lacht Thomas Heinser, der auch schon Promis wie die Schauspielerin Hannelore Elsner oder den Regisseur George Lucas fotografiert hat. Aber Schnappschüsse sind nicht sein Ding. Er hat stattdessen seinen Neffen gebeten, das Wiedersehen fotografisch zu dokumentiereren. Und er macht schon Pläne für das nächste Treffen in fünf Jahren. Wieder auf dem Schulhof unter der Kastanie. 

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