Abikadabra - der perfekte Ball!

Artikel aus der NRZ vom 04.07.2017:

90.000 Schüler aus NRW feiern ihr Abitur: Hinter den glamourösen Partys steckt sagenhafter Fleiß, wie man am Theodor-Heuss-Gymnasium in Dinslaken lernen kann

Über Schüler schimpfen - das können alle. Arbeitgeber beklagen seit gefühlt 250 Jahren die "nachlassende Rechtschreibung". Die Universitäten wundern sich traditionell, dass Gymnasien keine 18-jährigen Wissenschaftler liefern. Und dann diese glamourösen Abibälle! Noch nie Steuern gezahlt, aber im Glitzerdress auf den roten Teppich, lästert die arbeitende Bevölkerung. Ungenügend. Finden wir. Rund 90.000 Schüler aus NRW feiern im Juli ihr Abitur. Höchste Zeit, eine reife Leistung zu würdigen. Wir haben den Organisatoren eines typischen Abiballs über die Schulter geschaut - und Ehrfurcht gelernt.

Die Heldentaten des Jahrgangs sind schon in Stein gemeißelt. Im Schulhof des Dinslakener Theodor-Heuss-Gymnasiums (THG) prangt eine Tafel: "Abikropolis 2017. Die Götter verlassen den Olymp". So lautet das Motto der Feierlichkeiten, daneben sind die Tafeln aus den Vorjahren einzementiert, etwa: "Abikini - knapp, aber passt schon". Sekt und gute Laune reichen nicht mehr. Der Schulabschluss ist zum Event geworden, das sich aus einer Kette von Spektakeln zusammensetzt. Jeder Jahrgang muss sich an den Leistungen der Vorgänger und Nachbarschulen messen lassen.

Die richtige Location

Die Verantwortung für die Großveranstaltung lastet auf ziemlich jungen Schultern. Zum Beispiel auf denen von Annika Neuhaus und Lilly Heßelmann. Die 18-Jährigen gehören zur Spitze des Organisationskomitees. Vor einem Jahr haben die Planungen begonnen, 40 Schüler tüfteln seitdem am einzigartigen Abgang. Wir reden hier nicht über das Basteln von Blümchendeko, sondern über sechs Projekt-Teams: Vorfinanzierung. Finanzen. Mottowoche. Abizeitung. Zeugnisverleihung. Abiball.

Annika und Lilly, Team "Abiball", hatten die kniffelige Aufgabe, den richtigen Raum zu suchen. Location heißt das heute. Die Zeit der Aulen und Turnhallen ist vorbei. Zu klein. Man erwartet 650 Gäste. "Wir brauchten einen Saal mit großer Bühne, damit alle Abiturienten zu sehen sind, es sollte zugleich gemütlich und festlich sein", erklärt Annika. Sowas fand sich nur in der Nachbarstadt.

Mit "viel Glück" ergatterte das THG einen Termin in der Weseler Niederrheinhalle. Jetzt fehlten noch die Bühnentechnik, Security-Leute, Buffet, Deko. Die Schülerinnen mussten über Nacht zu Geschäftsfrauen reifen. Auch wenn sie Hilfe von der Eventmanagerin der Halle bekamen. "Das war sehr seltsam, alleine die vielen Verträge zu studieren", sagt Lilly. Man merkt den beiden das Unbehagen noch an. Es ging um 22.000 Euro.

"Erst wollte keiner den Kopf hinhalten. Zuletzt hat das ganze Team unterschrieben." Vielleicht eine bessere Lehrstunde als der Wirtschaftsunterricht, den die neue Landesregierung plant. Das Finanzteam (aus dem Mathe LK) hat penibel kalkuliert. Die Kosten für alle Abi-Aktionen werden über den Ball-Kartenvorverkauf gedeckt. Gäste zahlen 40 Euro, Abiturienten 20. Artigen Lehrern spendiert der Leistungskurs eine Eintrittskarte.

Längst haben große Diskotheken das Abitur als Geschäft entdeckt. Sie bieten "Vofi" (Vorfinanzierungs)-Partys an. Die Abiturienten verkaufen die Tickets, von acht Euro Eintritt werden zwei in die Abikasse gezahlt. In Dinslaken brachten die guten alten Kuchenstände beim Schulfest mehr ein.

Hochleistungskurs: Showbusiness

Selbst die Lehrer mussten blechen. Während der Motto-Woche im April tauchten am Parkplatz lorbeerbekränzte Götter auf und verlangten Parkgebühren. Eine der kleineren Aktionen. Vor den Osterferien stemmten die Abiturienten in ganz NRW einen gymnasialen Karneval, erschienen täglich in anderen Kostümen. In Dinslaken ist es Tradition, dass sich die Pädagogen durch ein Labyrinth zum Unterricht kämpfen. Für die Schüler gibt's Kirmes auf dem Pausenhof. Und am letzten Schultag trägt man endlich Schuluniform: 110 Abiturienten präsentieren stolz ihre Abi-Pullover mit Götter-Motiv.

Das Motto entspringt keinem Größenwahn, sondern dem Internet. "Es gibt Hunderte Vorschläge. Wir haben diesen gewählt, weil er Anregungen liefert für Verkleidungen, Deko, das Buffet", sagt Lilly und klingt schon sehr nach Event-Profi.

Die Leistungskurs-Arbeiten sind geschrieben, jetzt zählt der Hochleistungskurs "Showbusiness". Am 15. Juli muss das Team 650 Abiball-Gästen einen Abend bereiten, von dem man noch den Enkeln erzählt. Zum XXL-Programm gehören Diashows, Reden ("nicht zu lang!"), Ehrungen ("Lehrer, Klassenclowns, Top-Abschreiber..."), Spiele ("unterhaltsam") und natürlich die Party nach der Show.

Pädagogik war gestern, beim Abiball zählt die Perfektion. Vorher steht eine Generalprobe an. Und alle Mädchen haben Fotos ihrer Abendkleider in WhatsApp gestellt, damit es keine Doppelgängerinnen gibt. Fehlerquelle: "Und wenn keiner zur Party kommt, weil Wesel zu weit weg ist?" Abikadabra... hat das Team drei Shuttle-Busse ab Dinslaken klargemacht.

"Ja, das war Stress neben der Prüfungsvorbereitung, doch auch eine wertvolle Erfahrung", sind sich Annika und Lilly einig. Kam nicht irgendwann der Punkt, an dem man sich nach einer simplen Fete in der Turnhalle sehnt? Die beiden nicken nachdenklich, Lehrer haben ihnen von solchen Partys erzählt. (Wahrscheinlich Historiker.) Möglich, dass der Trend eines Tages wiederkehrt. Aber nee... jetzt freuen sich alle auf den großen Abend, die tollen Kleider. Annika: "Wenn wir das Abi haben, sind wir einfach stolz und froh. Und frei!"

Könnte man auch in Stein meißeln.

Maike Maibaum

 

 

 

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