THG-Schüler gestalteten Gedenken an die Reichspogromnacht

Artikel aus der NRZ vom 11.11.2016

(Artikel aus der NRZ vom 11.11.2016)
Am 10. November erinnert eine jährliche Gedenkveranstaltung an die Ereignisse der Reichspogromnacht 1938 in Dinslaken. In diesem Jahr wurde die Feier von Schülerinnen und Schülern aus den Kursen Evangelische Religion der Stufe Q1 vorbereitet. Sie informierten sich über die Ereignisse von damals und setzten sich auch mit der Frage auseinander, welche Bedeutung sie für unsere Gegenwart haben. Hier sind zwei Textbeispiele:
Wir dürfen nicht vergessen!
Wir dürfen nicht vergessen! Ein Satz, der selbst oft in Vergessenheit gerät. Doch was genau dürfen wir nicht vergessen? Die Taten, die Gefühle oder die Menschen? Vielleicht etwas von allem. Ich habe ja leicht reden. Schließlich wurde ich knapp 60 Jahre später erst geboren und habe von dem nichts mitbekommen. Nur vom Hörensagen.
Das mag stimmen. Jedoch wiederholen sich diese Taten leider auch heute noch. Sie wiederholen sich in anderer Form, in anderen Ländern, in einer anderen Zeit.
Zeit. Ein wichtiger Punkt. Schon komisch. Man sagt ja immer, die Zeit heilt alle Wunden, sie lässt aber gleichzeitig neue entstehen. Was bleibt sind Narben. Narben als Erinnerungen. Schlechte Erinnerungen.
Manchmal frage ich mich, was in diesen Köpfen vorgeht. Diese Zerstörungswut, dieser Hass, diese Intoleranz… All das, einfach so? Aus dem Nichts? Sicher, Gehirnwäsche, leere Versprechungen oder gar Neid und Eifersucht lassen Menschen zu Tieren werden. Tiere, die ohne Sinn und Verstand handeln.
Oft muss ich an die Waisenkinder denken. Und an die ehemaligen Schüler des jetzigen Theodor-Heuss-Gymnasiums, die zu Tätern wurden. Unglaublich ist allein die Vorstellung, dass die Kinder vertrieben, verspottet und gedemütigt wurden. In ihrer Heimat. Bloßgestellt vor der ganzen Stadt. Wie Vieh, welches Kutsche ziehend durch die Neustraße getrieben wurde.
Heute undenkbar. Zum Glück! Menschenrechte, Grundrechte, die fest in unserem Rechtssystem verankert sind. Aber, ob die Intoleranz, der Hass und die Angst damit aus der Welt sind? Das bezweifle ich…
Medien berichten immer mehr von Vorfällen wie Brandanschläge auf Flüchtlingsheime oder Angriffen von Rechtsradikalen. Wir dürfen nicht vergessen! Das ist uns jetzt allen bewusst. Wir dürfen nicht vergessen! Handeln im Sinne von helfen, Toleranz zeigen, Angst nehmen. Ich glaube, das größte Geschenkt für die Verstorbenen sind nicht die Denkmäler und die Stolpersteine. Nein! Sondern zu versuchen, den Hass, die Wut, die Angst und die Intoleranz aus der Welt zu schaffen. Vielleicht schaffen wir damit nicht gleich eine bessere Welt, aber eine verbesserte Welt. WIR müssen etwas tun! Aber wir dürfen gleichzeitig keinesfalls vergessen.

Yasmin Geyer, Q1

Reichspogromnacht
Reichspogromnacht. Heute unvorstellbar, doch früher bittere Realität. Unschuldige Menschen, auch Kinder, mussten Leid ertragen. Verloren das Recht auf Frieden und Freiheit. Wie viel Hass und Wut muss ein Mensch in sich haben, um das Leben unschuldiger Menschen grundlos zu zerstören? Wie kann man nur so gefühllos, herzlos und kalt sein?
Kein Mensch kann entscheiden, als was er geboren oder wie er aufgezogen wird. Ist man ein schlechterer Mensch, wenn man einer anderen Religion angehört? Verliert man sein Recht auf Freiheit und Frieden, weil man eine andere Sprache spricht und nicht so aussieht wie alle anderen? Für Gott ist jeder Mensch einmalig und wertvoll. Das Aussehen, die Religion, die Hautfarbe, die Sprache oder die Kultur ändern den Wert eines jeden Menschen nicht, sondern verleihen ihm Besonderheit.
Stellt euch vor, ihr lebt ein Leben in Angst! Todesangst, Angst, auf die Straße zu gehen. Angst, die Familie und Freunde zu verlieren. Angst, euer Leben zurücklassen zu müssen. Dieses Gefühl mussten viele Juden auch in Dinslaken durchleben – ausgeschlossen aus der Gesellschaft, wie Aussätzige. Wenn wir heute durch die Neustraße laufen, können wir uns kaum vorstellen, was sich hier vor 78 Jahren abgespielt hat.
Die Kinder aus dem Waisenhaus wurden nichtsahnend aus ihren Betten gerissen und standen in klirrender Kälte draußen auf der Straße. Viele andere Juden aus Dinslaken wurden verprügelt und ihre Häuser wurden zerstört.
Dass man Menschen so behandeln kann, ist für uns unbegreiflich. Doch trotzdem fragen wir uns manchmal, wie wir reagiert hätten, wenn uns – wie die damaligen Schüler unserer Schule – jemand aufgerufen und befohlen hätte, bei der Zerstörung mitzuwirken. Intuitiv würden wir ohne zu zögern sagen, dass wir uns dem niemals angeschlossen hätten, doch wirklich wissen kann man es nicht.

Dudu Eren, Helena Noras, Q1

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